Und die Moral...

Aus Twilight-Wiki.de .::. Bis(s) in alle Ewigkeit

Wechseln zu: Navigation, Suche

Vortrag von Anja Stürzer, den sie auf der RingCon 2009 gehalten hatte. Sie hat uns ihren Vortrag zur Verfügung gestellt und wir dürfen diesen mit ihrer Erlaubnis Online stellen. Das Copyright gehört damit allein Anja Stürzer!


Inhaltsverzeichnis

Bis(s) Romane: Sex oder kein Sex?

  • Keuschheit vor der Ehe
  • Edward ist zu alt
  • Edward ist ein Stalker


Wie die Harry Potter-Romane ist auch der Twilight-Hype ins Feuer der „ernsthaften“ Literaturkritik geraten. Was bei Harry Potter der Okkultismus, ist in der Twilight-Saga der Sex, bzw. die Beziehung zwischen Bella und Edward.

Keuschheit: Viele christliche Eltern sind zwar angetan von der offensichtlichen Botschaft Meyers, dass man lieber keinen Sex vor der Ehe haben und auf die „wahre Liebe“ warten sollte. Andere finden die Romane dagegen zu sexy: Sie haben Probleme damit, dass Bella ihren Vater anlügt, dass Edward zu alt für Bella ist (über 100!) und dass er sie nachts heimlich in ihrem Zimmer besucht. (Damit führt er sich ja selbst in Versuchung…). Dabei übersehen sie anscheinend, dass letzteres schon im Märchen Rapunzel durchaus zielführend in Sachen glücklicher Ehe war…


Liebe auf den ersten Bis(s)

  • exesszive Romantik
  • schlechtes Rollenmodel
  • reaktionäres Weltbild
  • Cinderella Komplex


Schließlich wird vor allem von europäischen Medien die exzessive Romantik kritisiert, weil diese, so die nicht ganz unberechtigte Sorge, ein schlechtes Rollenmodell für junge Mädchen darstellt. Harold Bloom hatte ja noch ein Problem damit, dass Sex im ersten HP-Roman nicht vorkommt…
In der Romanze Twilight sind wir nun zwar Meilen weit weg vom harmlosen Geknutsche in den HP-Büchern – Aber so wie bei Bella und Edward darf der Sex denn nun auch nicht aussehen. Im Grunde transportieren die Twilight-Romane nämlich, so die Kritik, ein reaktionäres Weltbild in der Tradition von Jane Austen (die das bereits zu ihrer Zeit durchaus kritisch sah) und der Romanzen. Es geht darin um ein Mädchen, das alles aufgibt – ihre Familie, ihre Persönlichkeit und ihr Leben –, um eine Beziehung zu einem reichen Kerl zu haben, der sie bevormundet.
Tatsache ist, dass die Romane mit der „Cinderella-Komplex“ genannten, subversiven Vorstellung vom allmächtigen, reichen Märchenprinzen spielen, der einen aus dem mittelmäßigen Alltag rettet, ohne dass man etwas anderes tun müsse, als ihn „zu erobern“, um für alle Zeiten behütet zu sein und ausgesorgt zu haben.


Liebe als Kommunikation

  • Antiquierte Sexmoral
  • Früher: Erst die Ehe, dann alles andere...
  • Heute: Erst der Sex, dann mal sehen...


Offensichtlich ist es schwer, diesen „Cinderella-Komplex“ aus dem kollektiven weiblichen Bewusstsein zu entfernen.
Liebe ist nämlich, wenn man der Systemtheorie traut, kein Gefühl, sondern eine Kommunikationsform, und als solche bedingt durch Kultur, Unterhaltung und Medien. Im Mittelalter kriegten die Minnesänger z.B. den Kick, indem sie unerreichbare Frauen besangen… heute eher unüblich. Wir sind dagegen immer noch geprägt von der Tradition der romantischen Liebe à la „Pretty Woman“.
Allerdings hat sich das Verhältnis von Sex und Beziehung in der Frauenvorstellung von Liebe geändert: „Erst die Ehe, dann alles andere“ – „Erst die Liebe, dann der Sex“ – heute eigentlich umgekehrt: guter Sex ist Bedingung für Liebe (Man denke an Filme wie „Keinohrhasen…).
Hier setzt nun die feministische Kritik an:
Laut ZDF-Kulturmagazin „Aspekte“ passen: „Stephenie Meyers Romane perfekt in eine reaktionäre Weltanschauung, die in den USA weit verbreitet ist und sogar staatlich gefördert wird. Die Botschaft: Sex vor der Ehe ist gefährlich. Teenager legen ‚Keuschheits-Gelübde‘ ab. In diesem Ausmaß wäre das in Deutschland undenkbar.“


Kritik an Twilight

  • ZDF Aspekte: "reaktionär" - die Botschaft: Sex vor der Ehe = gefährlich
  • Die Welt: "übersexualisiert und unemanzpatorisch" - Plädoyer für den vorehelichen Triebverzicht
  • The Independent : "sexsistisch" Bella ist "leidendes, passives Opfer."


Die Welt: „ein 1500 Seiten langes... Plädoyer für den vorehelichen Triebverzicht... modern, übersexualisiert und unemanzpatorisch“.
Die britische The Independent findet Twilight gar „auf schockierende Weise sexistisch“ und sieht die tollpatschige Außenseiterin Bella Swan als „leidendes, passives Opfer“.
Kurz: Die Twilight-Saga mit ihrer antiquierten Sexualmoral ist nicht politisch korrekt. Um es mal polemisch zu sagen: glaubt man den zitierten Kritikern, dann werden Millionen weiblicher Teenager aufgrund der Twilight-Lektüre ihre besten Jahre verpassen, weil sie auf einen blassen, kalten, stahlharten Traumprinzen warten, der sie immerzu rettet und herumträgt, vor dem Akt ein mehrjähriges Vorspiel veranstaltet und dann nächtelang einen hoch kriegt. Was die meisten Kritiker dabei übersehen, oder zumindest nicht für erwähnenswert halten… PPP ist dreierlei:


Metaphysischer Subtext

  • Kritik an Vorurteilen, Intoleranz und Ausgrenzung
  • Eine Seele haben bzw. seine Seele verlieren, wenn man tötet
  • Selbstaufopferung: Helden riskieren ihr Leben für diejeningen, die sie lieben
  • Freier Wille


1. ist es die Frau, die relativ früh im Romanzyklus eine bewusste Entscheidung trifft, sich mit dem Mann zu vereinigen und die in diesem Prozess kompromisslos die treibende Kraft ist.
2. Wird Bella als „Old Soul“ charakterisiert – als Jugendliche aus einer kaputten Familie, die aufgrund ihrer familiären Situation nicht nur kochen und waschen kann (und muss), sondern auch abgeklärt und verantwortungsvoll genug ist, diese Entscheidung treffen zu können. Und sie trifft sie deshalb, weil Bella in Edward nicht den reichen Märchenprinzen sieht, sondern jemand, der ihr die Liebe und Geborgenheit bietet, die sie in ihrer Familie nie erfahren hat.
3. Vor allem aber übersehen die meisten Kritiker – vermutlich ebenso wie viele Leser – die religiöse Symbolik und den offensichtlichen metaphysischen Subtext in Twilight – ein Subtext, der frappierende Ähnlichkeit mit Harry Potter hat. Die Moral von der Geschichte zeigt sich schon in den gemeinsamen Themen:

Kritik an Vorurteilen, Intoleranz und Ausgrenzung
eine Seele haben - Man verliert Seele, wenn man tötet
Selbstlosigkeit und Selbstaufopferung (Helden riskieren wiederholt ihr Leben für diejenigen, die sie lieben)
Freier Wille („Es sind unsere Entscheidungen, die bestimmen, was wir sind“; „Du hast dir diese Existenz nicht ausgesucht, und musst trotzdem so hart dafür arbeiten, gut zu sein“ – „Wie überall im Leben musste ich mich lediglich entscheiden, was ich mit dem tun wollte, das mir zugeteilt worden ist“)


Religöser Subtext

  • Gute Literatur: "teaches and delights" (Sir Philip Sydney, 1554 - 1586)
  • Ein Grund für Erfolg?
  • Unabhängig von Autorenintention
  • In Interviews bestätigt


Ergo: Wie HP verkauft auch Twilight inhaltlich alten Wein in neuen Schläuchen. Man kann beide Romane durchaus an der Oberfläche als spannenden Unterhaltungsroman lesen – aber das schließt nicht aus, dass mehr dahinter steckt.
Gestern: Sir Philip Spenser, Zeitgenosse Shakespeares, hat in seinem einflussreichen Essay „Verteidiung der Posie“ die damals verpönte Dichtung gerechtfertigt, indem er die These aufstellte, dass gute Literatur „unterrichtet und entzückt“ – sie ist unterhaltsam und gleichzeitig lehrreich.
These: Obwohl oder vielleicht gerade weil er vielen Leuten überhaupt nicht bewusst ist, macht der religiöse Subtext macht die Faszination dieser Reihen aus. Dabei ist es sekundär ob Autoren Absicht oder nicht – der Text zählt!


Eliade: Das Heilige und das Profane

  • Religiöses Verhalten in entzauberter, moderner Welt
  • Unterhaltung hat eine mythisch bzw. religiöse Funktion
  • Romane erfüllen menschliche Sehnsüchte


Wenn ein Buch zum Hype wird, wie Harry Potter oder die Bis(s)-Romane, oder Tolkien, dann sollte man immerhin die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass es jenseits der Oberflächenqualität einen tieferen Sinn hat.
Mircea Eliade: Das Heilige und das Profane. Vom Wesen des Religiösen. Rumänischer Religionswissenschaftler und Philosoh Analysierte religiöses Verhalten in einer entzauberten modernen Welt
These: Unterhaltung, insbesondere Romane, haben in einer weltlichen Kultur eine mythische bzw. religiöse Funktion, sie erfüllen universelle menschliche Sehnsüchte. Dementsprechend diskutieren Theologen heute „das Evangelium in den Simpsons“ oder religiöse Untertöne in Lost
Frank Weinreich: Metaphysisches Bedürfnis / Fantasy Dass diese These grundsätzlich richtig ist, kann man an einer Harry-Potter Satire im Internet ablesen (Kopie).


Universelle menschliche Sehnsüchte

Titel: Der Vatikan und die Harry-Potter-Bibel“. Untertitel: Harry Potter ist kein Ersatz für die Bibel“. Darin wird satirisch vom „Trend zum Zweitglauben“... „Internate für junge Zauberlehrlinge sollen eingeführt werden und den Namen „Kloster“ tragen Priester halten Messen in spitzem Hut ab und verwandeln, zur Verblüffung der Zuschauer, Blut in Wein und Körperteile in Brot
Zitat: „ Es ist absehbar, wann die Harry Potter-Filme die Kreuzigung Jesu zu Ostern im Fernsehen verdrängen werden, erklärte daraufhin ein Sprecher des Vatikans. Und da müssen wir uns fragen, ob wir unseren Kindern lieber diesen Hokuspokus anbieten wollen oder es bei den tradierten, gut eingeführten Kreuzigungen belassen.“
So amüsant diese Satire ist, so hat sie doch, wie alle gute Satire, einen wahren Kern:
Eines der grundlegenden menschlichen Bedürfnisse, die HP ebenso befriedigt wie die Biss-Romane, ist die Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Gerade in einer individualistischen Gesellschaft sehnen sich die Menschen nach einer Gemeinschaft, in der ihre individuellen Eigenheiten respektiert werden. Diese Sehnsucht und die Erfüllung dieser Sehnsucht werden von den HP und Biss-Romanen nachgezeichnet.


Bildungsromane ind Sachen "Four Floors"

  • Familienliebe
  • Freundesliebe
  • Romatische Liebe
  • Barmherzige Nächstenliebe
  • "Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein leben für seine Freunde hingibt"

Früherer Vortrag: These aufgestellt, dass Harry Potter = Bildungsroman in Sachen „The Four Loves“, die ich hier kurz wiederholen möchte:
Anfangs ist Harry ein Waisenjunge in einem Leben völlig ohne Liebe: Er kennt weder die Liebe seiner Familie noch die Liebe von Freunden, noch romantische Liebe, und er hat auch keine Ahnung von agape, der selbstlosen, geistigen, bedingungslosen Nächstenliebe, die eine metaphysische Vereinigung mit anderen Menschen bzw. mit Gott ermöglicht. Dieses ist die “tiefste” Magie die es gibt, es ist die Magie, die Dumbledore vertritt, diejenige, die Harry von seinen Eltern erbt, und natürlich die Liebe, die in der christlichen Tradition in Jesus Christus Fleisch geworden ist, wobei die Thematik des Opfertodes nicht zufällig anklingt.
Im Verlauf der Romane erfährt Harry diese “Vier Arten von Liebe”, wie C.S. Lewis sie in seinem gleichnamigen Buch definiert hat: Er findet Freunde, eine Familie, Romantik und Aufopferung, und bekennt sich schließlich dazu “Dumbledores Mann” zu sein. Diese Erfahrung der vier Arten von Liebe führt ihn durch sieben Jahre und Bände voller Abenteuer, bis sie ihn am Ende dazu fähig macht, die richtige Entscheidung zu treffe, nämlich zu glauben, und sich dem ultimativen Bösen sowie dem Tod zu stellen.


Bella und die Cullens

Vergleichbar der Geschichte Bellas! Auch sie lebt zu Beginn der Biss-Reihe ein Leben ohne Liebe, ohne Eltern, die für sie da sind, ohne Freunde, denen sie sich zugehörig fühlt, ohne einen Freund, ohne sich je verliebt zu haben. Was sie allerdings hat, ist ein gewisses Potential für Agape, die aufopferungsvolle Nächstenliebe, der zuliebe sie zu ihrem Vater zieht.
Im Verlauf der Biss-Romane erfährt sie dann die romantische Liebe und wird als Folge dessen in die Familie der Cullens aufgenommen, wo sie die Erfahrung von Freundesliebe und Familienliebe macht. Setzt man das in Verbindung zu der Tatsache, dass S. Meyer bekennende Mormonin ist, verheiratet mit einem Mormonen und Absolventin der mormonischen Brigham Young University, so ergibt sich eine ganz spannende Lesart:
Bella lässt sich allegorisch interpretieren als neue Gläubige in der Religionsgemeinschaft der Mormonen Analogie insofern passend: Meyers Vampire sind – wie US-Mormonen – mehrheitlich abgelehnte Außenseiter, eine verquere Minderheit in Gesellschafts- und Glaubenssachen, die eine gewalttätige Geschichte haben, angefeindet werden und unter großem Druck und äußerer Anpassung ihre Art zu Leben rechtfertigen müssen.


Twilight Allegorie Nr. 1

  • "Aufnahme in die himmlische Gemeinschaft"
  • Himmlische Hochzeit
  • Cullens = Mormonenfamilie/Gesellschaft
  • Bella = neue Gläubige
  • Edward = Ihr Seelenpartner
  • Autobiografische Auszüge


Zentral für die Religion der Mormonen ist die Vorstellung einer heiligen, über den Tod hinausgehende „Seelenpartnerschaft“
„Himmlische Hochzeit“: Beziehungen zwischen Partnern (oder auch Eltern-Kind) werden im Tempel für alle Ewigkeit „besiegelt“: Mann und Frau müssen sich treu sein und gottesfürchtig leben, dann führen sie eine hoch-heilige „ewige“ Ehe. Als Folge der himmlischen Hochzeit können Mann und Frau gottgleich und über eine neue Welt regieren, die sie dann mit ihren Kindern bevölkern.
Edward Cullen = ihr mormonischer Seelenpartner, perfekt, gottgleich, eine unsterbliche Kreatur, der zuliebe Bella ihr unvollkommenes Menschsein aufgibt und dem sie sich auf ewig unterwerfen will.
Die Cullens = die Glaubensgemeinschaft, zu der Bella sich hingezogen fühlt, und die Romane = bewusste Entscheidung für oder gegen diesen irrationalen, übermenschlichen Glauben.
Kap. 7 Twilight: Sie kann sich keinen anderen Lebensweg vorstellen und fragt sich im besten missionarischen Sinne: Ist das wahr? (137) Was muss ich tun, wenn es wahr ist? (138) Schließlich erkennt sie, dass sie bereits glaubt.
Weitere Romane: Die Problematik der Integration in bestehende Gemeinschaft, ohne ihre Individualität und ihre Wurzeln zu verlieren. Dies ist möglich durch ihre besondere Gabe, ihren „Schild“ – die Freiheit ihrer Gedanken.


Autobiografische Auszüge

  • Phantasie = "Schild" für Frauen in patriarchalischen Gesellschaften
  • Bella ist schüchter / Stephenie Meyer auch
  • Breaking Dawn = schwächstes familienmitglied wird zum stärksten Familienmitglied


These gestützt druch autobiografische Bezüge:
In patriarchalischen Gesellschaften ist die Phantasie ist der einzige Rückzugsraum für Frauen und insbesondere Künstlerinnen in patriarchalischen Gesellschaften Meyer ist, ebenso wie Bella, eine talentierte Frau in einer patriarchalischen Gesellschaft (beißende Weiber sind böse!)
Ihr Talent besteht vor allem darin, Dinge in ihrem Kopf zu verschließen, bis sie ihr „Coming out“ hat und sie „zur Welt bringt“. Das Produkt ist ein „gutes Monster“, das Gegensätze überwindet. Meyer ist schüchtern und hat ihr Buch zunächst geheim geschrieben; ihr Mann ist sehr beschützend und war gegen das Buchprojekt; ihre Schwester („Alice“) hat sie unterstützt und ins Rampenlicht geschoben und für die Veröffentlichung gesorgt.
Breaking Dawn ist laut Stephenie Meyer die Geschichte eines schwachen Familienmitglieds, das auf einmal zum stärksten wird, indem sie ihr Talent entwickelt.


Mormonen Einflüsse

  • Offensichtliche Einflüsse: Keuschheit, vorehelicher Triebverzicht, Abtreibungskritik. Kein Alkohol keine Zigaretten. Bedeutung von Familie und Kinder.
  • Polygamie und Kinderehe
  • Vampirsymbolik: Freier Wille, Seligkeit durch Verdienst


Auch wenn man Twilight nicht als Mormonen-Moralitätenstück lesen mag:
Bezüge offensichtlich, Keuschheit + vorehelicher Triebverzicht, kein Alkohol, keine Zigaretten: „In welch anderem geistigen Universum gäbe es Teenager-Parties ohne Alkohol oder ein Tete-a-tete, bei dem die Frau vor dem ersten Kuss zwei Cokes trinkt?“ Weitere Bezüge: Weibliche Sexualität, Bedeutung von Ehe und Kindern, „Imprinting“ und die Liebe zu Kleinkindern:
Polygamie/Kinderehe: Brighham Young, Präsident der Mormonen 1847 bis Tod 1877, der Amerikanische oder „Moderne“ Moses; Polygamist mit 55 Frauen und 56 Kindern; 1890 aufgegebene Praxis. Aber: Noch heute 30,000 polygamists in the West (Utah... – neben Arizona (Phönix); Verfahren wegen Kindesmissbrauch.
Veränderungen gegenüber traditionellem Vampir: Laut Volksglaube wird zum Vampir, wer gegen die Gebote der Kirche verstoßen hat, exkommuniziert wurde oder aus der Kirche ausgetreten ist. Da beim Vampir teuflisch-dämonische Kräfte im Spiel sind, können ihn christliche Symbole aufhalten. Für Twilight-Vampire kein Problem: Protestantische Vampire mit freiem Willen; religiöse Jedermann-Figuren, die mit ihrem inneren Tier kämpfen.
Thema Freier Wille: „Stephenie MeyerM: „Sie wurden diese Art Vampire, weil ich eine sehr entschiedene Meinung in Sachen Freier Wille habe. Egal, was das Leben dir zuteilt, in welchen Umständen du gefangen bist, oder was du glaubst, tun zu müssen, du hast immer eine Wahl. Und diese Figuren wären traditionell die Bösen, aber stattdessen wählen sie, anders zu sein. Dieses Thema war immer wichtig für mich... Der freie Wille ist die Metapher, die meinen Vampiren zugrundeliegt.“


Adam Gott Doktrin

  • Gottmensch Häresie: (Adam) Mensch = göttliches Wesen
  • Ewige Entwicklung
  • Himmlische Hochzeit
  • Spirit-Prison
  • Posthume Ehe


Freier-Wille-Thematik spiegelt die Mormonen-Doktrin, dass auch böse Menschen ihre gefallene Natur überwinden und ins Paradies kommen können,, wenn sie sich Mühe geben Auch ganz spannend: die fundamentalistische Adam-God-Doktrin:
Adam („Mensch“) = Erzengel Michael, ein göttliches Wesen, kam mit einer seiner Frauen (Eva) auf die Erde und wurde sterblich, weil er den/die Apfel im Garten Eden aß; ist „unser aller Vater“ und der leibliche Erzeuger unseres „älteren Bruders, Jesus“. Gott, Adam, Jesus und der Mensch sind „one family“.
Gottmensch-Häresie lebt fort in anderen Mormonen-Konzepten:
„Ewige Entwicklung“: Die Doktrin, dass der Mensch sich ewig weiterentwickelt. S. Paradies-Zitat: „Wie der Mensch jetzt ist, so war Gott einst; so wie Gott jetzt ist, so wird der Mensch einst werden“.
„Himmlische Hochzeit“ und posthume Ehe:
Nach dem Tod wartet der Ungläubige (i.e.Nicht-Mormone) im „Spirit-Prison“ auf eine zweite Chance („sounds like were discussing the rules for Dungeons and Dragons rather then theology. But, that's Mormonism for ya“) Können auch posthum verheiratet werden, und zwar idealerweise mit...


Posthume Ehe

Verstorbene würden idealerweise verheiratet mit „...mustergültigen Mormonen, die liebevoll, rücksichtsvoll, freundlich, sanft, tugendhaft und intelligent wären und einen „glorifizierten Körper“ hätten, der vermutlich extrem attraktiv wäre und so weiter“. Na, wer kann da schon nein sagen…


Twilight Allegorie Nr. 2

  • Die problematische Beziehung zwischen Mensch und Gott
  • Verknüpfung Sexualität und Spiritualität
  • Edward = Perfekt, gottgleiche Kreatur, "göttlich", kristallartig, unbeweglich, unsterblich - ein "Gottmensch"
  • Ursprünglicher Titel: "Forks - Bella muss sich an einer Weggabelung entscheiden"


Weg von den Mormonen, hin zu anderen Lesarten:
Traditionelle Verknüpfung Sexualität und Spiritualität vgl. Tantra, Salomonslied: Christ ist der Bräutigam, die Kirche ist die Braut... Bellas Liebe zu Edward = Metapher für die grundlegende menschliche Sehnsucht nach Einheit mit Gott und die problematische Beziehung zwischen beiden, bei der Mensch seine Individualität, seine Freiheit bzw. seinen freien Willen zu verlieren droht. Beide sehnen sich nach einander, aber wenn er bzw. Gott sie bzw. den Menschen nur auf seine Weise nähme, bedeutet das ihre Auslöschung (Kap. 12/13). Solange der Mensch in seinem Körper, also „zerbrechlich“ und sterblich ist, ist eine Einheit mit Gott unmöglich.
Folge: Göttliche Nicht-Einmischung und menschlicher Freier Wille – im Roman Edwards anfängliche Weigerung, Bella zu beißen, und ihre Fähigkeit, ihre Gedanken für sich zu behalten. Erst nach dem Tod – bzw. nach dem Biss, der „petite morte“ ist eine Einheit Gott/Mensch möglich. Mensch muss sich für Gott, für den Glauben an das Irrationale entscheiden, um die wahre, göttliche Liebe zu erleben – vgl. Bellas Entscheidung in Kap. 7
Originaltitel: Forks


Twilight Allegorie Nr. 3

  • Der Garten Eden und die Vertreibung aus dem Paradis
  • Titelbild mit dem Apfel
  • Edward = Adam der gottgleiche Mensch
  • Paradis: Löwe und Lamm in Eintracht, Liebe
  • Genesis Zitat
  • Erkenntnisakt, Sündenfall und Tod


Noch spezifischer ist die Garten-Eden-Allegorie, die dem Roman unterliegt:
Titelbild mit dem Apfel: Edward ist Adam, der gottgleiche Mensch (lies: Menschheit), der gegen die Versuchung kämpfen muss. Bella, die sich in ihrer ersten gemeinsamen Schulstunde als „Eva“ bezeichnet, ist seine Seelenpartnerin und gleichzeitig seine größte Versuchung – ein Apfel zum Hineinbeißen… Ihre Liebe ist das Paradies – der Ort, wo traditionell der Löwe und das Lamm in Eintracht nebeneinander liegen, keine Feindschaft, kein Tod, keine Vergänglichkeit!!!
Genesis-Zitat: „Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm issest, musst du des Todes sterben (2. Mose 2, 16/17) Wenn Edward-Adam der Versuchung nachgibt und Bella-Eva beisst, verliert er das Paradies bzw. seine große Liebe Bella-Eva dagegen hat die Unschuld des Paradieses schon verloren, weil sie seine wahre Natur erkannt hat: Darum muss sie sterben, und zwar entweder buchstäblich oder indem sie selbst Vampir wird.
Der Tod wiederum ist der Scheideweg: Wer glaubt und vertraut, wer sich in im Exil aus dem Paradies , d.h. in der gefallenen Welt, nicht beirren lässt und weiterhin nach dem Paradies (lies: der Liebe zu Edward) strebt, der wird nach dem Tod unsterblich.


Vertreibung aus dem Paradis

  • New Moon: Ein Leben ohne Gott
  • Eclispe: Weltliches vs. Ewiges Leben
  • Breaking Dawn: Pfer, Schmerzen und Lohn des Gläubigen in gefallener Welt


Folgerichtig zeigen die weiteren Romane Bella-Evas Leben nach der Vertreibung aus dem Paradies:
New Moon lässt sich lesen als Allegorie eines Lebens ohne Gott und ohne Liebe – aber mit Jakob-Adam als potentiellem Lebenspartner, der „zweitbesten Lösung“, sozusagen. Edward hat nicht in den Apfel gebissen, sondern Bella-Eva verstoßen, die jetzt in eine beinahe katatonische Depression verfällt. Mag Zufall sein, aber im apokryphen „Buch der Jubiläen“ heißt es, Adam und Eva wurden am Neumond des vierten Monats des achten Jahres nach ihrer Erschaffung“ aus dem Paradies vertrieben...
In Eclipse muss Bella-Eva sich entscheiden zwischen einem weltlichen und einem ewigen Leben. Der Roman lässt sich lesen als Allegorie des Lebens eines Gläubigen in einer gefallenen Welt, hin- und hergerissen zwischen Gottessehnsucht und menschlichen Bedürfnissen wie Fortpflanzung und Familienbande.
In Breaking Dawn schließlich stirbt sie und kriegt endlich die Seligkeit und das ewige Leben. Die Allegorie hier beinhaltet die Opfer und Schmerzen, aber am Ende auch die Belohnungen einer Vereinigung mit Gott.


Sexualität und Spiritualität

  • "Ein Buch ist wie ein Spiegel, wenn ein Affe hineinsieht, so kann kein Apostel herausgucken" (Georg C. Lichtenberg, 1742 - 1799)
  • JKR: "If a fool looks in, you can't expect a genius to look out"


Garten-Eden-Allegorie vereinfacht dargestellt – wer Interesse hat, kann mich gerne nachher ansprechen, dann können wir über die erkenntnistheorethische Interpretation dieser Bibelstelle und ihre Anwendbarkeit auf Edwards und Bellas Love-Story diskutieren. Dabei würde sich dann herausstellen, dass sogar Nessie darin einen Platz findet… aber würde zu weit führen.
Wichtig: Allegorie ist im Leseprozess keine technische Übersetzung, sondern erlebter Mythos: Nicht: „Bella steht für die Sehnsucht des Menschen nach Gott“, sondern „die menschliche Sehnsucht nach spiritueller Erfahrung ist vergleichbar mit Bellas Liebe zu Edward“ nicht „Harrys Zweifel in Deathly Hallows stehen für die Zweifel des Menschen allgemein“, sondern: Zweifeln ist menschlich, es fühlt sich so an, wie in diesem Roman: Zentral ist der Wiedererkennungseffekt!
JKR hat vor einigen Jahren einmal Georg Christoph Lichtenberg zitiert: „Ein berühmter Autor habe einst gesagt, ein Buch sei wie ein Spiegel: Wenn ein Dummkopf hineinblickt, so kann man nicht erwarten, dass ein Genie herausschaut. (J. K. Rowling on NBC's 'Today Show', 10/20/00)


Erkenntnistheoretischer Hintergrund

Funktioniert nur, wenn man Sündenfall und Erkenntnisakt als Verheißung und nicht, wie traditionell üblich, als Übertretung eines Verbots und darauffolgende drakonische Strafe begreift – obwohl das auf der inhaltlichen Ebene auch funktioniert: Wenn ein Mensch die Vampire durchschaut, muss er sterben. Theologisch gesehen steht Baum in der Mitte des Paradieses: Das Nichtwissen ist gewissermaßen das Paradies, in dem der Mensch sich als nicht getrennt von Gott erlebt. Paradoxerweise weiß man das Paradies aber nur zu schätzen, wenn man es verliert. Nur wer von diesem Baum isst, wird wissend und erkennt, was die paradiesische Einheit mit Gott wert war, die er verloren hat. Die Schlange hatte ganz recht, als sie Eva sagte: Da sprach die Schlange zum Weibe: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wisset, was gut und böse ist Der Biss in den Apfel, der Sündenfall und die Erkenntnis von gut und böse entspricht der Erfahrung von Liebe und Trennung, von Einheit und dem Verlust der Einheit: Erst wenn wir etwas verloren haben, wissen wir, was es wert war. Auf Edward und Bella bezogen heißt das: Liebe tut weh. Aus der paradiesischen Einheit wird spätestens mit dem Biss in den Apfel Dualität – mit den altbekannten Folgen Kreativität, Vermehrung und Nachwuchs.
Tod = zeitliche Dimension: Adam und Eva wandern in die Welt und zeugen das auserwählte Volk Israel; Edward und Bella zeugen einen Vampirhybriden. Man kann Nessie, das besondere Kind der beiden, durchaus als auserwähltes Volk begreifen.
Genesis-Zitat = Verheißung: Rückkehr ins Paradies möglich durch Selbstaufgabe: Sich-selbst-sterben = ewiges Leben Wenn du wissen und schätzen willst, was die paradiesische Einheit wert ist, musst du wissend werden (= HP: Liebe bzw. Verlust erleben). Bist du aber wissend, verlierst du die Einheit mit Gott, denn dann musst du des Todes sterben (Gebissen werden, der kleine Tod, Gefahr, Selbstaufopferung). Erkenntnistheoretisch gedeutet heißt es: Erlange einst die Einheit mit voll entwickeltem Bewusstsein, die du einst unwissend hattest und deshalb nicht zu würdigen imstande warst. (Unsterblichkeit) (Dr. Bijan Amini, Kiel, Prof. und Buchautor, Gründer der Gesellschaft für Krisenpädagogik)

Persönliche Werkzeuge